Aikido-Verein Hannover e.V.
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Was ist Do?

Stefan Portraitvon Stefan Schröder

Eine geringfügig erweiterte Antwort auf die Frage gestellt von Meister H. Luhmann während der Prüfung zum Shodan.

Es ist eine leicht erklärbare Besonderheit der japanischen Sprache, dass jedes Zeichen auf zweierlei Weise ausgesprochen werden kann. Es gibt eine sinojapanische Lesart (on) und eine japanische Lesart (kun). Die Kun-Lesung wird «michi» ausgesprochen.

In Zusammensetzungen wird ein Schriftzeichen in der Regel nach der On- Lesung gesprochen, steht das Wort alleine, so wird die Kun-Lesung bevorzugt. Das Schriftzeichen, über das ich sprechen möchten wird in seiner On-Lesung «Do» ausgesprochen.

Das Schriftzeichen «Do» bedeutet «Weg, Pfad, Straße». Dieses Wort hat auch schon im Deutschen eine profane und eine tiefere Bedeutung. Da ist zum einen die Bedeutung «Straße», über die ich im weiteren nicht sprechen möchte, zum anderen sprechen wir aber davon, «dass jemand seinen Weg geht».

Diese übertragene Bedeutung von «Weg» interessiert uns hier.

Es gibt eine ganze Reihe von Weg-Künsten, d. h. Dos: Kendo, Judo, Aikido, die Wege des Kampfes werden zusammengefasst unter dem Überbegriff Budo, es gibt aber auch weniger kriegerische Künste: Chado - den Tee-Weg, Shodo - den Weg der Kalligraphie.

Sie sind jeweils eine Sammlung von Techniken, Handlungen und Prinzipien die zur Erlangung eines inneren Zieles dienen! Nicht eines äußeren. Schon der oberflächliche Betrachter einer Tee-Zeremonie versteht, dass das Ziel der Tee-Zeremonie nicht das Trinken von Tee ist, das könnte man auch einfacher haben. Ebenso ist das Ziel des Kendo beileibe nicht, einen Angreifer mit dem Schwert niederzustrecken.

Aus der Aikido-Praxis kennen wir die Begriffe «Omote» und «Ura», gelegentlich werden sie synonym zu «Irimi» und «Tenkan» benutzt, obwohl ihre Bedeutungen sich elementar unterscheiden. Irimi und Tenkan sind Prinzipien der Bewegung, Omote und Ura hingegen sind Ortsangaben: «Vorne» und «Hinten» oder auch «Vorderseite» und «Rückseite». Eine Münze zum Beispiel hat eine Omote- und eine Ura-Seite. Aber auch Omote und Ura haben neben dieser einfachen Bedeutung noch eine tiefergehende: Omote ist das offensichtliche, den Sinnen direkt zugängliche; Ura ist das verborgene, unsichtbare, nicht mit dem Intellekt fassbare.

Genau in diesem Sinne haben die Weg-Künste ein Omote und ein Ura. Das Omote des Aikido sind die Selbstverteidigungstechniken. Das Ura ist ... unaussprechlich. Niemand kann es sagen, darum ist es das Ura! Ich komme gleich darauf zurück.

Um den Begriff des Do nun ist eine vollständige Weltanschauung konstruiert, die wir Taoismus oder Daoismus nennen (Tao=Dao=Do). Es ist eine chinesische philosophische Schule, deren Kern die Erkenntnis darstellt, dass die Welt, das Universum nicht (wie im Westen früher angenommen wurde) ein Konstrukt ist, auch kein Automat nicht näher bezeichneten Zwecks ist (wie im Westen heute angenommen wird), sondern ein großer Organismus, ein komplexes Wechselspiel aller Dinge und Kräfte. Dies ist das Dao. Der Daoist betont in allem die Vereinigung gegensätzlicher Prinzipien und die Unabdingbarkeit der beiden Partner.

Diese Trennung in zwei scheinbar gegensätzliche Prinzipien (Dualitätsprinzip) ist ein Kernprinzip der Weltsicht des Daoisten. Der chinesische Daoist nennt dieses Prinzip «Yin und Yang», der japanische nennt es «In und Yo». Ein wichtiges Handlungsprinzip des Daoisten ist das «Wu-Wei», das Prinzip der geringsten Kraft. Lasse die Dinge sich ihrer Natur gemäß entwickeln und greife nur minimal ein.

Der Daoist sieht in allem die Einheit, die Untrennbarkeit. Es gibt keinen Unterschied zwischen Du und Ich. Das ist ein intellektuelles, ein künstliches Konstrukt. Ein Beispiel: Wir sehen zum Nachthimmel und sagen, dort sei dieses Sternbild und dort jenes Sternbild, so als hätten diese gedachten Linien und Abtrennungen irgendeine Realität. Die Überwindung der Idee, es gäbe ein vom Universum abgetrenntes Ich, ist Anliegen des Buddhismus, des Daoismus und sogar des Christentums. Vielmehr sind wir alle nur die Abbilder eines großen Universums, weiter noch: Wir alle sind das Universum! O-Sensei erkannte dies. Diese Einsicht (Satori) in das Wesen der Welt beflügelte ihn, eine Kampfkunst zu schaffen, deren Ziel nicht das Omote war - und hier gelingt die Angrenzung des Do vom Jutsu, denn das Jutsu gibt sich mit der Kunstfertigkeit zufrieden, kann sie auch zu hoher Meisterschaft führen, doch fehlt ihr das Ura, der auf das innere Wesen des Praktizierenden zielende Kern.

Nach der Einsicht von O-Sensei ist ein Angriff eine Störung im Gefüge der Harmonie des Universums. Er wendete daraufhin das ergänzende Prinzip an, um diese Harmonie wiederherzustellen.

Es ist interessant, dass westliche und östliche Praktizierende eines Weges unterschiedliche Wahrnehmungen hinsichtlich ihres Harmoniebedürfnisses haben: Westliche Schüler erstreben Harmonie mit sich selbst (was auch immer das bedeuten mag), wohingegen asiatische Schüler Harmonie mit ihrer Umwelt als Ziel angeben.

Frage: Was bedeutet dies nun für das Aikido?

Aikido ist ein Do im besprochenen Sinne, es ist ein Weg, den man in seinem Leben geht. Es ersetzt das Leben nicht, sondern ist ein Begleiter, der einen für den Alltag hilfreiche Prinzipien lehrt: Gleichgewicht, Zentrum, Irimi, Tenkan, Maai, usf - und wenn ein Notstand herrscht, auch entschlossen einzugreifen.

Beginnt man mit dem Aikido, so weiß man noch nicht genau worauf man sich einlässt. Aber irgendwann entscheidet man sich diesen Weg weiterzugehen, dies wird der eigene Weg. Wenn man Glück hat, dann findet man Lehrer, die einem auf diesem Weg vorausgegangen sind (Sensei=Vorher geboren) und die als Wegweiser dienen können. Gehen muss man diesen Weg aber selbst. Ist man erstmal auf dem Weg, kann man ihn nicht mehr verlassen ohne Schaden an der Seele zu nehmen. Und selbst wenn man den Keiko-Gi im Schrank lässt, ist man doch auf dem Weg.

Literatur:

Dave Lowry: In the Dojo

Dave Lowry: Pinsel und Schwert

Alan Watts: The Taoist Way

Culture in the Martial Arts: On the Japanese Culture in Today's Budo


Stefan Schröder ist seit 1998 Aikidoka im Aikido-Verein Hannover.

 

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